Nach einer schweren Zeit
Wenn das Schwere vorbei ist, beginnt für dein Kind das Verarbeiten
Das Krankenhaus liegt hinter euch, die Trennung ist durch, der Umzug geschafft oder das Mobbing beendet. Du atmest durch und wartest darauf, dass dein Kind wieder das alte wird. Oft zeigt sich aber erst jetzt, wie viel es mitgetragen hat. Kinder seelisch wieder aufzubauen ist kein Projekt mit Fahrplan, sondern ein Weg aus Sicherheit, Zeit und vielen kleinen Erfahrungen. Dieser Artikel zeigt dir, was dein Kind in dieser Phase braucht und was du im Alltag tun kannst.
Was nach einer schweren Zeit in Kindern vorgeht
Eine schwere Zeit kann vieles sein: eine lange Krankheit, die Trennung der Eltern, ein Todesfall, ein Umzug, Mobbing oder Monate, in denen zu Hause alles angespannt war. Für ein Kind zählt weniger, wie wir das Ereignis einordnen, sondern wie sicher es sich währenddessen gefühlt hat. Viele Kinder halten sich mitten in der Krise erstaunlich tapfer. Sie funktionieren, weil sie müssen. Erst wenn es ruhiger wird, kommt das Nachgeben.
Das kann sich so zeigen:
- Rückschritte: Dein Kind will wieder im Elternbett schlafen oder spricht wie ein viel jüngeres Kind.
- Klammern: Es möchte dich kaum aus den Augen lassen und fragt, wohin du gehst und wann du wiederkommst.
- Reizbarkeit: Kleine Anlässe führen zu großen Ausbrüchen.
- Rückzug: Es spielt weniger, mag keine Freunde treffen und wirkt in sich gekehrt.
- Körperliches: Bauchweh oder Kopfschmerzen ohne erkennbaren Grund, unruhiger Schlaf, Albträume.
- Wiederholungen: Es spielt die Situation immer wieder nach oder stellt dieselben Fragen.
Das alles können ganz normale Reaktionen sein. Sie zeigen, dass dein Kind verarbeitet. Meist lassen sie nach, wenn der Alltag wieder verlässlich ist. Wann du dir zusätzlich Unterstützung holen solltest, steht weiter unten.
1. Verlässlichkeit zuerst: Der Alltag trägt
Nach einer Krise ist die Welt für ein Kind nicht mehr selbstverständlich sicher. Feste Zeiten fürs Aufstehen, Essen und Schlafen sind deshalb kein Nebenschauplatz. Sie sagen deinem Kind ohne Worte: Hier ist wieder Verlass.
So zeigt es sich im Alltag
Dein Kind fragt abends zum dritten Mal, ob du morgen wirklich da bist, oder will das Licht anlassen. Das ist kein Theater, sondern der Versuch, Sicherheit zu prüfen.
Das kannst du heute tun
Kündige an, was passiert, und halte es ein: „Morgen hole ich dich um zwölf ab. Ich stehe am Tor.“ Führe ein Abendritual ein, das jeden Tag gleich abläuft, und seien es nur fünf Minuten. Wenn etwas Unvorhergesehenes kommt, sag es früh und erkläre, wie es danach weitergeht.
Warum Rituale so viel leisten, zeigt der Löwenimpuls Rituale geben Kindern Sicherheit.
2. Reden lassen, ohne zu drängen
Viele Eltern möchten wissen, wie es dem Kind wirklich geht, und fragen direkt nach. Kinder öffnen sich aber selten auf Kommando. Sie reden, wenn der Druck fehlt und sie spüren, dass du Zeit hast.
So zeigt es sich im Alltag
Auf deine Frage „Wie war das für dich?“ zuckt dein Kind mit den Schultern. Zwei Tage später, beim Zähneputzen oder im Auto, kommt plötzlich ein Satz, der alles enthält.
Das kannst du heute tun
Biete Gelegenheiten statt Verhöre: nebeneinander sitzen, malen, spazieren gehen, gemeinsam kochen. Sag einmal klar: „Wenn du darüber reden magst, bin ich da. Du musst aber nicht.“ Und halte es aus, wenn die Antwort traurig ist. Vorschnelle Sätze wie „Ist doch jetzt alles gut“ schließen die Tür, bevor dein Kind hindurchgehen konnte.
Wie du Gefühle in Worte fassen kannst, ohne zu bohren, zeigt der Löwenimpuls Gefühle bekommen einen Namen.
3. Gefühle dürfen da sein, auch die unbequemen
Nach einer schweren Zeit kommt nicht nur Traurigkeit. Oft kommen Wut, Angst, Schuldgefühle oder Neid auf Kinder, die es scheinbar leichter haben. Wut ist häufig die Form, in der sich Traurigkeit und Angst Luft verschaffen.
So zeigt es sich im Alltag
Dein Kind brüllt dich an, weil das Müsli falsch ist, obwohl du dachtest, das Schlimmste sei überstanden. Hinter dem Müsli steht etwas ganz anderes.
Das kannst du heute tun
Gib der Wut einen Rahmen, ohne sie zu verbieten: „Du darfst wütend sein. Du darfst nicht schlagen. Komm, wir zerreißen altes Zeitungspapier.“ Sprich auch von deinen Gefühlen, in einer Dosis, die ein Kind tragen kann: „Ich war in der Zeit auch oft traurig. Mir tut gut, wenn wir zusammen sind.“ So lernt dein Kind, dass Gefühle aushaltbar sind und vorbeigehen.
Wenn dein Kind Nein sagen und Grenzen ziehen will, aber nicht weiß, wie, hilft der Löwenimpuls Liebevoll Nein sagen.
4. Kleine Erfolge: Wieder etwas schaffen
In einer schweren Zeit entscheiden oft andere: Ärztinnen, Ämter, Erwachsene. Kinder fühlen sich dann ausgeliefert. Wer wieder erlebt, dass das eigene Tun etwas bewirkt, gewinnt ein Stück Selbstvertrauen zurück.
So zeigt es sich im Alltag
Dein Kind, das früher viel allein konnte, lässt sich plötzlich die Schuhe anziehen und sagt „Ich kann das nicht“. Es kann es noch, es traut sich nur gerade nichts zu.
Das kannst du heute tun
Gib kleine, sichere Entscheidungen zurück: Was gibt es zum Abendessen, welchen Weg nehmt ihr zur Schule? Such Aufgaben, die gelingen können, etwa eine Pflanze, die dein Kind selbst gießt, oder ein Kuchen, den es allein anrührt. Und benenne genau, was gelungen ist: „Du hast jeden Tag an die Pflanze gedacht.“ Das wirkt mehr als ein allgemeines „Toll gemacht“.
Wie ein freundlicher Blick auf sich selbst entsteht, zeigt die Spiegelübung „Ich bin gut, so wie ich bin“. Mehr zu den Grundlagen steht im Artikel Die 7 Säulen der Resilienz bei Kindern.
5. Freude und Freunde: Wieder Teil von etwas sein
Nach einer schweren Zeit kann es sich für ein Kind falsch anfühlen zu lachen. Es braucht aber Pausen vom Schweren, so wie Erwachsene auch. Freude ist kein Verrat an dem, was passiert ist. Sie ist ein Zeichen, dass Kraft zurückkommt.
So zeigt es sich im Alltag
Dein Kind lehnt Einladungen ab, auf die es sich früher gefreut hätte. Es sagt, es habe keine Lust, und meint oft: Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.
Das kannst du heute tun
Fang klein an: ein Freund statt der ganzen Geburtstagsgruppe, eine Stunde statt eines ganzen Nachmittags, eine Abholzeit, die ihr vorher absprecht. Plant gemeinsame Zeit, die nicht Aufarbeitung ist: backen, Ball spielen, eine Radtour. Ein Freu-dich-Kalender mit zwei, drei Einträgen pro Woche gibt dem Blick nach vorn einen Platz.
Wenn dein Kind gerade kaum Anschluss findet, lies auch Kind fühlt sich einsam. Und wenn es Hilfe annehmen soll, passt der Löwenimpuls Um Hilfe zu bitten ist mutig.
Du musst nicht sofort wieder voll da sein
Wer selbst durch die schwere Zeit gegangen ist, ist oft erschöpft. Kinder spüren das, auch wenn du es überspielst. Sie beziehen es manchmal auf sich und versuchen, dich zu schonen. Es entlastet dein Kind, wenn es merkt, dass auch du Hilfe annimmst.
Such dir jemanden, bei dem du dich ausruhen kannst: eine Freundin, die zuhört, eine Beratungsstelle, ein Abend ohne Verpflichtungen. Das ist keine Nebensache. Ein Kind, dessen Eltern wieder Luft haben, hat es leichter, selbst wieder durchzuatmen.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Hier geht es nicht um Diagnosen, sondern um deine Wahrnehmung. Du kennst dein Kind am besten. Hol dir Rat, wenn du dir Sorgen machst, auch ohne dass ein bestimmter Punkt erfüllt ist.
- Die Veränderungen lassen nach mehreren Wochen nicht nach oder werden stärker.
- Dein Kind schläft oder isst über längere Zeit kaum noch.
- Es zieht sich stark zurück und zeigt an nichts mehr Freude.
- Es will nicht mehr zur Schule oder in die Kita, obwohl es dort vorher gern war.
- Es verletzt sich selbst oder sagt, dass es nicht mehr leben möchte.
Bei akuter Gefahr für dein Kind rufst du die 112. Sonst sind die Kinder- und Jugendarztpraxis und eine Erziehungsberatungsstelle in deiner Nähe gute erste Anlaufstellen. Das kostenfreie Elterntelefon der Nummer gegen Kummer erreichst du unter 0800 111 0 550. Kinder und Jugendliche können sich unter 116 111 anonym und kostenfrei melden.
Wo fängst du am besten an?
Du musst nicht alle fünf Schritte gleichzeitig gehen. Schau, wo dein Kind gerade am meisten braucht: Sicherheit, ein offenes Ohr, Platz für Wut, ein Erfolgserlebnis oder ein bisschen Leichtigkeit. Such dir eine einzige Sache aus und bleib einige Wochen dabei. Rückschläge gehören dazu und machen deine Arbeit nicht ungeschehen.
Wenn du unsicher bist, wo dein Kind steht, hilft der Löwen-Check: acht Fragen, zwei Minuten, mit Übungen für den Bereich, der gerade am wichtigsten ist. Und wer jeden Tag einen kleinen Schritt gehen möchte, findet im Löwenimpuls des Tages eine Aufgabe für heute. Den größeren Zusammenhang erklärt die Seite Resilienz bei Kindern.
TIPP FÜR ZU HAUSE
Das Kartenset „Löwenmut & Mückentanz“
54 Karten, zwei Spielvarianten und ein Begleitheft, von Svenja Bütefür für Kinder ab 6 Jahren entwickelt. Gefühle zeigen, Nein sagen, sich etwas zutrauen: Das steckt spielerisch in den Karten. Gerade nach einer schweren Zeit ist ein Spiel ein sanfter Weg, ins Gespräch zu kommen, ohne dass es ein Gespräch sein muss. Ihr spielt gemeinsam, lacht, redet, und dein Kind übt ganz nebenbei.
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, bis ein Kind eine schwere Zeit verarbeitet hat?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Manche Kinder wirken nach wenigen Wochen wieder wie früher, andere brauchen Monate. Rückschritte gehören dazu. Entscheidend ist die Richtung: Wenn es insgesamt langsam besser wird, ist dein Kind auf einem guten Weg.
Soll ich mit meinem Kind über das Erlebte sprechen oder es lieber ruhen lassen?
Biete Gespräche an, ohne zu drängen. Beantworte Fragen ehrlich und so, dass dein Kind sie versteht. Du musst nicht jedes Detail erklären. Wenn dein Kind nicht reden mag, helfen oft Malen, Spielen oder gemeinsame Zeit nebeneinander.
Mein Kind zeigt gar nichts. Ist das ein gutes Zeichen?
Nicht unbedingt, aber auch nicht automatisch ein schlechtes. Manche Kinder verarbeiten still oder erst, wenn es ruhiger geworden ist. Biete weiter Gelegenheiten an und beobachte, ob dein Kind weiterhin Freude zeigt, schläft, isst und Kontakt sucht. Wenn dir etwas auffällt, hol dir Rat.
Ab wann sollte ich professionelle Hilfe holen?
Wenn die Veränderungen nach mehreren Wochen nicht nachlassen, dein Kind sich stark zurückzieht, kaum schläft oder isst, oder wenn es sich selbst verletzt. Auch wenn du dir einfach unsicher bist, ist ein Gespräch mit der Kinderarztpraxis oder einer Erziehungsberatungsstelle sinnvoll. Das Elterntelefon unter 0800 111 0 550 ist kostenfrei.
Kann ein Resilienztraining nach einer schweren Zeit helfen?
Es kann ergänzen: In einer kleinen Gruppe üben Kinder spielerisch, Gefühle zu zeigen, Nein zu sagen und sich etwas zuzutrauen. Ein Training ersetzt aber keine Therapie. Wenn dein Kind erkennbar leidet, sprich zuerst mit der Kinderarztpraxis oder einer Beratungsstelle. Wir beraten dich gern, ob ein Kurs gerade passt.
Gemeinsam wieder Mut sammeln
In unseren Kursen üben Kinder in kleinen Gruppen spielerisch, mit starken Gefühlen umzugehen und sich wieder etwas zuzutrauen. Sie erleben dabei, dass Gefühle dazugehören und dass man damit nicht allein ist.
Nicht sicher, wo dein Kind gerade steht? Mach den Löwen-Check: zwei Minuten, acht Fragen, zwei Übungen für heute Abend.
Ihr wohnt im Ruhrgebiet?
Dann gibt es das Training auch als Kurs vor Ort: zwei Vormittage in einer kleinen Gruppe, für Kinder von 6 bis 10 Jahren.
- Grundkurs in Essen-KettwigSa 5. und So 6. Dezember, 10:00 bis 12:30 Uhr, 69 €Plätze freiPlatz buchen
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Svenja Bütefür
Ich bin zertifizierte Resilienztrainerin für Kinder nach „Stark für Kinder“ und gebe offene Kurse in Essen-Kettwig und Mülheim an der Ruhr. Mehr über mich
