Für Kitas und pädagogische Fachkräfte
Stark werden mitten im Gruppenalltag
Resilienz entsteht in der Kita nicht in einer Extrastunde, sondern im Morgenkreis, beim Streit um die Schaufel und in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal allein die Jacke zumacht. Die zehn Übungen in diesem Artikel brauchen kein Material, das nicht ohnehin in der Gruppe liegt, dauern selten länger als zehn Minuten und lassen sich in feste Abläufe einbauen. Sie stammen aus der Praxis des Löwenkinder-Trainings und sind für Kinder ab etwa vier Jahren gedacht.
Was Resilienzförderung in der Kita ausmacht
Resiliente Kinder sind nicht die, denen nichts passiert. Es sind die, die nach einem Rückschlag wieder auf die Beine kommen, weil sie Gefühle einordnen können, wissen, wen sie um Hilfe bitten, und schon oft erlebt haben, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirkt. Genau diese Erfahrungen lassen sich im Kita-Alltag gezielt anbahnen. Vier Grundsätze helfen dabei:
- Wiederholung vor Abwechslung: Eine Übung, die jeden Tag im gleichen Rahmen stattfindet, wirkt stärker als zehn verschiedene, die einmal vorkommen.
- Kleine Schritte, echte Erfolge: Aufgaben so zuschneiden, dass sie gelingen können, und dann dem Kind die Lösung überlassen.
- Gefühle haben Platz: Wut, Angst und Enttäuschung werden benannt und begleitet, nicht weggeredet.
- Die Gruppe trägt mit: Resilienz ist kein Einzeltraining. Kinder lernen viel voneinander, wenn die Gruppe gemeinsame Regeln und Rituale hat.
Die folgenden Übungen sind nach diesen Bereichen sortiert: Gefühle wahrnehmen, Grenzen setzen, Selbstwirksamkeit erleben, Hilfe holen und mit Rückschlägen umgehen. Für jeden Bereich gibt es zwei Übungen, eine für den Kreis und eine für den Alltag.
Gefühle wahrnehmen und benennen
Kinder, die Worte für ihre Gefühle haben, müssen sie seltener mit dem Körper ausdrücken. Das ist die Grundlage für alles Weitere, denn nur wer merkt, dass er wütend wird, kann etwas dagegen tun.
Übung 1: Das Gefühlswetter im Morgenkreis
Jedes Kind zeigt auf eine von vier Karten: Sonne, Wolke, Regen oder Gewitter. Wer mag, sagt einen Satz dazu. Niemand muss erklären, niemand wird bewertet. Die Fachkraft macht selbst mit und zeigt dabei, dass auch Erwachsene schlechte Tage haben.
Warum es wirkt: Das tägliche Einordnen schult die Wahrnehmung. Und die Gruppe erfährt früh, wem es gerade nicht gut geht.
Übung 2: Gefühlsdetektive
In Bilderbüchern oder bei Streitigkeiten im Freispiel fragen: „Was glaubst du, wie fühlt sich das Kind gerade? Woran erkennst du das?“ Die Kinder achten auf Gesicht, Haltung und Stimme und sammeln Wörter für Gefühle, vom einfachen „traurig“ bis zu „enttäuscht“ oder „eifersüchtig“.
Warum es wirkt: Wer Gefühle bei anderen erkennt, versteht auch die eigenen besser, und Konflikte werden seltener persönlich.
Grenzen setzen und Nein sagen
Ein klares Nein schützt Kinder, gerade in der Gruppe. Es lässt sich spielerisch üben, bevor es im Ernstfall gebraucht wird. Wichtig ist, dass ein Nein der Kinder im Alltag ernst genommen wird, auch wenn es unbequem ist.
Übung 3: Das Stopp-Spiel
Zwei Kinder stehen sich in einigen Metern Abstand gegenüber. Eines geht langsam auf das andere zu. Das zweite Kind streckt die Hand aus und sagt laut und deutlich „Stopp!“, sobald es ihm zu nah wird. Das gehende Kind bleibt sofort stehen. Dann wird getauscht.
Warum es wirkt: Die Kinder erleben, dass ihr Wort etwas bewirkt, und spüren den Unterschied zwischen einem leisen und einem klaren Stopp. Die Regel „Stopp heißt Stopp“ gilt danach auch im Freispiel.
Übung 4: Die Ja-Nein-Runde
Die Fachkraft stellt Fragen, auf die die Kinder mit einer Geste antworten: Daumen hoch für Ja, gekreuzte Arme für Nein. „Magst du Spinat?“ „Möchtest du, dass dich jemand ungefragt umarmt?“ Jede Antwort ist richtig, auch wenn das Nachbarkind anders antwortet.
Warum es wirkt: Kinder üben, zu ihrer eigenen Meinung zu stehen, auch wenn die Gruppe anders denkt. Nebenbei entsteht ein Gespräch darüber, dass jeder Körper seine eigenen Grenzen hat.
Wie Kinder Nein sagen lernen, ohne unhöflich zu werden, beschreibt der Grundlagenartikel Selbstbehauptung bei Kindern.
Selbstwirksamkeit erleben
Selbstwirksamkeit ist das Gefühl: Ich kann etwas bewirken. Sie wächst nicht durch Lob, sondern durch eigene Erfahrungen. In der Kita heißt das vor allem: Kinder dürfen Dinge selbst tun, auch wenn es länger dauert.
Übung 5: Die Ich-kann-Wand
An einer Wand oder Pinnwand bekommt jedes Kind ein Feld. Wenn es etwas Neues geschafft hat, sich allein anziehen, eine Rutsche hinauf, einen Streit selbst lösen, kommt ein Symbol oder ein Foto dazu. Das Kind entscheidet selbst, was es aufhängt.
Warum es wirkt: Die Fortschritte werden sichtbar. An schlechten Tagen kann das Kind nachschauen, was es schon alles kann.
Übung 6: Expertenkinder
Jedes Kind darf regelmäßig eine Aufgabe übernehmen, bei der es wirklich gebraucht wird: Blumen gießen, neue Kinder durch die Gruppe führen, den Tisch decken, einem jüngeren Kind beim Schuheanziehen helfen. Die Aufgaben wechseln, die Verantwortung ist echt.
Warum es wirkt: Kinder, die gebraucht werden, trauen sich mehr zu. Gerade zurückhaltende Kinder blühen oft auf, wenn sie einmal die Expertin sind.
Beziehungen stärken und Hilfe holen
Eine verlässliche Beziehung zu mindestens einer erwachsenen Person gilt als einer der stärksten Schutzfaktoren. In der Kita kommt dazu die Gruppe: Wer weiß, dass andere helfen, fühlt sich weniger ausgeliefert. Sich Hilfe zu holen ist dabei keine Schwäche, sondern eine Fähigkeit, die geübt werden will.
Übung 7: Die Helferhand
Jedes Kind malt den Umriss seiner Hand. In jeden Finger kommt ein Mensch, zu dem es gehen kann, wenn es Hilfe braucht: eine Erzieherin, die Mama, der Opa, das Nachbarkind. Die Hände hängen in der Gruppe und werden im Morgenkreis immer wieder angeschaut.
Warum es wirkt: Kinder haben in schwierigen Momenten eine konkrete Liste im Kopf, statt sich allein zu fühlen.
Übung 8: Die Friedensbrücke
Für Streitigkeiten gibt es einen festen Ort, etwa einen Teppich oder zwei aufgemalte Fußspuren. Die beiden Kinder stellen sich gegenüber, jedes sagt, was es geärgert hat und was es sich wünscht. Die Fachkraft begleitet, entscheidet aber nicht. Am Ende steht eine Lösung, die beide vorgeschlagen haben.
Warum es wirkt: Kinder erleben, dass Konflikte lösbar sind, ohne dass jemand verliert. Mit der Zeit kommen sie von allein zur Brücke.
Wenn einzelne Kinder in der Gruppe dauerhaft ausgeschlossen werden, hilft der Artikel Wenn Kinder ausgeschlossen werden bei der Einordnung.
Mit Rückschlägen umgehen
Zuversicht lernen Kinder, indem sie erleben, dass schwierige Momente vorübergehen und dass man es noch einmal versuchen kann. Die Fachkraft ist dabei Vorbild: Wie spricht sie über eigene Fehler? Wie reagiert sie, wenn etwas schiefgeht?
Übung 9: Das Noch-nicht-Wort
Wenn ein Kind sagt „Ich kann das nicht“, ergänzt die Gruppe gemeinsam: „noch nicht“. Das wird zum festen Satz in der Gruppe, den irgendwann die Kinder selbst sagen. Dazu passt eine kurze Erzählrunde: „Was konntest du früher nicht und kannst es jetzt?“
Warum es wirkt: Das kleine Wort verändert den Blick. Aus einem endgültigen Urteil wird ein Zwischenstand.
Übung 10: Die Mutmach-Kette
Jedes Mal, wenn ein Kind sich etwas getraut hat, bekommt es eine Perle für eine gemeinsame Kette der Gruppe. Welche Mutprobe es war, erzählt das Kind im Abschlusskreis. Die Kette wird länger, und alle sehen, wie mutig die Gruppe zusammen ist.
Warum es wirkt: Mut wird gefeiert, nicht das perfekte Ergebnis. Und die Gruppe erlebt Mut als etwas, das alle haben, nicht nur die Lauten.
So werden die Übungen zur Routine
Zehn Übungen auf einmal sind zu viel. Besser ist ein Plan, der sich an feste Zeiten im Tag hängt:
- Morgenkreis: Gefühlswetter jeden Tag, einmal pro Woche die Ja-Nein-Runde oder eine Erzählrunde zum Noch-nicht-Wort.
- Freispiel: Stopp-Regel und Friedensbrücke gelten immer, Gefühlsdetektive nach Bedarf.
- Abschlusskreis: Mutmach-Kette und neue Einträge an der Ich-kann-Wand.
- Einmal im Monat: Die Helferhände anschauen und ergänzen, Expertenaufgaben neu verteilen.
Hilfreich ist es, die Eltern einzubeziehen. Was in der Kita geübt wird, wirkt stärker, wenn es zu Hause wiedererkannt wird. Ein kurzer Aushang zur Übung der Woche oder ein Hinweis im Elternbrief genügt oft schon.
Eltern, die zu Hause weitermachen möchten, finden im Löwen-Check in zwei Minuten heraus, wo ihr Kind gerade steht, und bekommen passende Übungen für den Alltag.
TIPP FÜR ZU HAUSE
Das Kartenset „Löwenmut & Mückentanz“
54 Karten, zwei Spielvarianten und ein Begleitheft, von Svenja Bütefür für Kinder ab 6 Jahren entwickelt. Gefühle zeigen, Nein sagen, sich etwas zutrauen: Die Themen aus diesem Artikel stecken spielerisch in den Karten. Eine gute Empfehlung für Eltern von Vorschulkindern, die zu Hause weiterüben möchten, und für die Vorschulgruppe selbst.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter kann Resilienzförderung in der Kita beginnen?
Von Anfang an. Schon im Krippenalter stärken verlässliche Beziehungen und feste Abläufe die Widerstandskraft. Gezielte Übungen wie das Gefühlswetter oder das Stopp-Spiel eignen sich ab etwa vier Jahren, einfache Varianten auch früher.
Wie viel Zeit brauchen die Übungen im Kita-Alltag?
Die meisten dauern fünf bis zehn Minuten und lassen sich in Morgenkreis, Freispiel oder Abschlusskreis einbauen. Wichtiger als die Dauer ist die Regelmäßigkeit: Eine kurze Übung jeden Tag wirkt mehr als eine lange einmal im Monat.
Brauchen wir dafür besonderes Material?
Nein. Bildkarten für das Gefühlswetter, Papier und Stifte für die Helferhände und eine Pinnwand reichen. Für die Mutmach-Kette genügen Holzperlen und eine Schnur.
Was tun, wenn ein Kind bei einer Übung nicht mitmachen möchte?
Zuschauen ist erlaubt. Viele Kinder beobachten erst eine Weile und steigen dann von selbst ein. Ein Nein zu einer Übung ernst zu nehmen, ist selbst schon Resilienzförderung, denn das Kind erlebt, dass seine Grenze zählt.
Wann lohnt sich ein Resilienztraining mit einer externen Trainerin?
Wenn die Gruppe gerade viele Konflikte hat, einzelne Kinder häufig ausgegrenzt werden oder das Team einen gemeinsamen Anstoß sucht. Ein Training in der Einrichtung bringt neue Impulse, und die Übungen lassen sich danach im Alltag fortführen.
Das Training direkt in Ihrer Einrichtung
Ich komme mit dem Selbstbehauptungs- und Resilienztraining in Ihre Kita: sechs Einheiten à 45 Minuten, für Kinder ab 5 Jahren, in Gruppen bis zwölf Kinder, im ganzen Ruhrgebiet. Ihr Team bekommt danach Ideen an die Hand, wie die Übungen im Alltag weitergehen.
Nicht sicher, wo dein Kind gerade steht? Mach den Löwen-Check: zwei Minuten, acht Fragen, zwei Übungen für heute Abend.
Ihr wohnt im Ruhrgebiet?
Dann gibt es das Training auch als Kurs vor Ort: zwei Vormittage in einer kleinen Gruppe, für Kinder von 6 bis 10 Jahren.
- Grundkurs in Essen-KettwigSa 5. und So 6. Dezember, 10:00 bis 12:30 Uhr, 69 €Plätze freiPlatz buchen
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Svenja Bütefür
Ich bin zertifizierte Resilienztrainerin für Kinder nach „Stark für Kinder“ und gebe offene Kurse in Essen-Kettwig und Mülheim an der Ruhr. Mehr über mich
